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Wohnen ist mehr als nur ein Dach über dem Kopf
Im Gespräch mit Detlef Tuttlies, Vorstand der GAG Ludwigshafen
Profil www.gag-ludwigshafen.de
- Kommunal verbundenes Immobilienunternehmen (Hauptaktionär Stadt Ludwigshafen mit 66 %), größtes Immobilienunternehmen in der Pfalz
- Gegründet 1920
- 13.750 Wohneinheiten (einschl. 9 Seniorenwohnanlagen) in Ludwigshafen, Limburgerhof und Haßloch
- Vermietung und Verwaltung von Wohnraum, Gewerbe, Garagen
- Wohnungsneubau und Bauträgergeschäft
- Energetische Sanierung: Niedrigenergieprojekte in mehreren Wohnquartieren durch umfassende Modernisierungen (Schwerpunkte: Schillerschule, Ebertsiedlung, Westend), Passivhausstandard im Neubau und im Bestand
- Realisierte innovative Projekte: Passivhaus Melm; Passivbürohausgebäude „lu-teco“, Einführung kinderfreundlicher Hausordnungen in neuen Wohneinheiten
- Dienstleistungen: Servicebüros in allen Stadteilen von Ludwigshafen, Wohnsprechstunden, Mieterfeste und –konzerte, Mieterzeitschrift, Beratung zum Thema Pflege, Hilfe in schwierigen Lebenslagen durch drei Sozialarbeiter der GAG; Handwerker-Service für Mieter; weitere Dienstleistungen sind geplant (Einkaufsdienste und Betreuungsleistungen), GAG-Servicecard
- Auszeichnungen: Umweltpreis 2005 des Landes Rheinland Pfalz, Energie Güteplus Siegel der EOR Rheinland Pfalz für das Passivhaus im Bestand 2005, Verleihung der „Ökologia“, der Stiftung für Ökologie und Demokratie im Jahr 2005, Auszeichnung „365 innovative Orte im Land der Ideen“ für das Passivbürogebäude „lu-teco“ in 2007, Sonderpreis des Landes Rheinland Pfalz „Corporate Citizenship – Unternehmen mit gesellschaftlichem Engagement“ im September 2007

Was bedeutet “Wohnen” für Sie persönlich?
Wohnen ist ein Grundbedürfnis, wohnen heißt „sich zu Hause fühlen“. Dazu gehört mehr als nur ein Dach über dem Kopf, dazu gehört auch das Wohnumfeld, die Infrastruktur, dazu gehören die Menschen.
Welche Ziele haben Sie in Ihrer Funktion als Vorstand der GAG Ludwigshafen für das Wohnen in der Metropolregion Rhein-Neckar?
Eines der wichtigen Kernziele ist die nachhaltige Bestandspflege und die energetische Sanierung der Quartiere sowie die Anpassung unserer Wohnungen an heutige Wohnansprüche. Wir müssen heute dafür sorgen, dass wir unsere Wohnungen auch in Zukunft dauerhaft und langfristig vermieten können. Unsere beiden Modernisierungsschwerpunkte im Westend und in der Ebertsiedlung werden wir fortführen und voraussichtlich im Jahr 2011 erfolgreich abschließen können.
Wir wollen unsere Stadt mit gestalten und sind deshalb auch in der Stadtentwicklung tätig. Eines unserer wichtigsten Projekte, das sich in der Umsetzung befindet, ist die hochwertige Bebauung am Rheinufer Süd und auf der Parkinsel. Im ersten Baufeld an der Rheinallee befinden sich die ersten drei Stadtvillen in der Realisierungsphase; die Errichtung von Büroflächen, einem Gästehaus und Wohnungen wird als zweite Maßnahme von der GAG umgesetzt werden. Der Standort ist ein Highlight, nicht nur in Ludwigshafen, sondern in der ganzen Metropolregion.
Wie wird sich der Wohnungsmarkt zukünftig verändern?
Die demografische Entwicklung, verbunden mit unterschiedlichen Zielgruppen wird dazu führen, dass sich Wohnvorstellungen verändern und entsprechende Wohnungs- bzw. Immobilienangebote unterbreitet werden müssen. Diese Entwicklung wird einhergehen mit neuen Lebensstilen und Haushaltstypen. Der Wohnungsmarkt wird sich, regional unterschiedlich ausgeprägt, verändern. Die Anzahl der Haushalte wird zunehmen, ebenso die Zahl der Singles, während sich die Menge an jungen Familien reduzieren wird. Das Angebot an Immobilien bzw. Wohnungen wird zunehmen, die Preise werden stagnieren. Energieeffiziente Objekte, Qualität sowie die Bereitstellung der jeweiligen Produkte, zugeschnitten auf die einzelnen Lebensstile, werden die Vermarktungsmöglichkeiten bestimmen.
Lebensaltersgemeinschaften oder „Mehrgenerationenwohnen“ für Jung und Alt können sich als Alternativen entwickeln. Auch die Technisierung wird unter dem Stichwort „Assisted Living“ weiter voranschreiten.
Die demografische Entwicklung benötigt innovative Wohnlösungen für Menschen aller Einkommensklassen. Wo sehen Sie hier besondere Herausforderungen?
Die Immobilienwirtschaft wird sich auf die demografische Entwicklung einstellen und für die Menschen entsprechende Angebote unter Berücksichtigung ihrer Lebensstile anbieten. Der kreativen Entwicklung von Dienstleistungen sind kaum Grenzen gesetzt. Auch technische Anforderungen werden wachsen und müssen erfüllt werden. Ob allerdings in Zukunft eine älter werdende Gesellschaft die innovativen Wohnlösungen bezahlen kann bzw. der Staat immer noch für eine gewisse Grundversorgung eintreten kann, ist eher ungewiss.
Sind meine eigenen „vier Wände“ altersgerecht und wie lange kann ich wohnen bleiben? Habe ich Kinder bzw. Angehörige, die sich bei Pflegebedürftigkeit um mich kümmern können? Werde ich meine letzten Tage in einem Heim bzw. einer Pflegestation verbringen können bzw. müssen, und wenn ja, unter welchen Rahmenbedingungen? Habe ich den finanziellen Background meinen Lebensabend in einer Seniorenresidenz mit Vollservice zu verbringen oder friste ich meinen Lebensabend eher anonym, einsam und alleine? Wahrscheinlich werden sich viele Menschen in Zukunft die von ihnen gewünschte Wohnlösung nicht leisten können. Dies können wir schon heute zum Teil in unseren Seniorenwohnanlagen feststellen. Es wird die große Herausforderung der Gesellschaft in Zukunft sein, tragfähige und finanzierbare Lösungen für einen angemessenen Lebensabend zu finden.
Welche Dienstleistungen rund um das Wohnen können Sie sich vorstellen?
Seit vielen Jahren bieten wir speziell in unseren Seniorenwohnanlagen besondere Betreuungsdienstleistungen an. Darüber hinaus bieten wir, insbesondere auch für Senioren die in unseren Beständen wohnen, Wohnsprechstunden an, um bei möglichst vielen Fragestellungen Lösungen und Hilfestellungen zu finden. Darüber hinaus stehen in unseren sieben Servicebüros in den einzelnen Stadtquartieren Ansprechpartner für unsere Kunden zur Verfügung. Drei Sozialarbeiter der GAG sind unseren Kunden behilflich, führen Hausbesuche durch, beraten in sozialen Belangen, zum Thema Pflege und in schwierigen Lebenslagen.
Wir arbeiten mit Elektrofachbetrieben, Maler- und Umzugsfirmen zusammen, um unseren Mietern handwerkliche Dienstleistungen für den privaten Bereich mit attraktiven Preisen anzubieten. Das kann die Hilfe bei Renovierungsarbeiten sein oder das Anschließen und Programmieren eines Fernsehgerätes.
Ergänzend kann ich mir noch Einkaufsdienste, die Unterstützung bei Behördengängen und weitere Betreuungsleistungen in Zusammenarbeit mit einer sozialen Einrichtung vorstellen. Ein weiteres Highlight wird die „GAG – Servicecard“ sein, die wir in nächster Zeit allen Mietern der GAG überreichen werden. Durch Vorlage dieser Kundenkarte können unsere Mieter bei vielen Handwerksunternehmen und Geschäften Preisnachlässe erhalten.
Welchen Rat würden Sie Menschen am Rande des Ruhestandes geben, die ihre Wohnsituation und ihre persönliche Situation zukunftsgerecht gestalten wollen?
Für mich persönlich ist das Thema Ruhestand noch nicht so relevant. Wichtig ist jedoch, sich frühzeitig mit dem Thema auseinander zu setzen. Kann ich meine jetzige Wohnung noch so nutzen, wenn ich älter werde? Kann ich sie altersgerecht ohne allzu großen Aufwand umgestalten? Möchte ich vielleicht noch im Alter neue Wohnformen nutzen? Habe ich ausreichend Vorsorge in finanzieller Hinsicht getroffen? Wichtig ist es auch, soziale Kontakte aufzubauen, die sich über das berufliche Umfeld hinaus bewegen. Gute Infrastruktur im Wohnumfeld ist ebenso wichtig. Und die freie verfügbare Zeit, die man sich noch während der beruflichen Tätigkeit so sehr gewünscht hat, ist von einem auf den anderen Tag da und will gefüllt werden.
Welche Wohnsituation empfehlen Sie jungen Familien?
Städtischer Wohnraum gewinnt an Lebensqualität. Gute Infrastruktur, ein vielfältiges Bildungs- und Betreuungsangebot sind für das Wohnen und das Wohlfühlen der Familie wichtig. Selbstverständlich ist auch das Wohnumfeld mit Spielangeboten von Bedeutung. Eine kinderfreundliche Hausordnung und ein familiengerechter Wohnungsgrundriss kommen einer optimalen Wohnsituation entgegen. Neben einer Wohnung kommt natürlich auch ein eigenes Haus in Frage, das im Hinblick auf Raum und Entfaltung eine weitere Wohnsituation darstellt. Ludwigshafen bietet im Übrigen unter anderem in den Neubaugebieten Rheingönheim oder Melm eine breite Palette an Grundstücken bzw. Bauträgerangeboten an.
Sie haben eine kinderfreundliche Hausordnung bei der GAG eingeführt. Wie setzen Sie das in den Hausgemeinschaften durch?
Grundsätzlich bedürfen Hausordnungen der vertraglichen Vereinbarung. Änderungen sind nur realisierbar, wenn die Zustimmung hierzu einstimmig erfolgt. Die kinderfreundliche Hausordnung wurde bisher in neuen Hausgemeinschaften nach Modernisierung oder bei Neubauten eingeführt. Wir setzen die kinderfreundliche Hausordnung immer da ein, wo es möglich ist und Hausgemeinschaften es wünschen.
Im Hinblick auf das Umfeld von Kindern planen wir in den nächsten Monaten die Neugestaltung von Kinderspielplätzen. Eine von uns beauftragte Landschaftsplanerin wird in einem gemeinsamen Workshop mit Kindern einer Wohnanlage einen neuen Kinderspielplatz planen. Da wird dann gebastelt, gemalt und unter Anleitung und mit Unterstützung der Architektin werden Ideen gesammelt und umgesetzt.
Welche Rolle spielen Netzwerke für Sie?
Netzwerke sind absolut wichtig und gesellschaftspolitisch heute nicht mehr wegzudenken. Netzwerke dienen dem Informations- und Wissenstransfer. Gemeinsame Ziele lassen sich effektiver umsetzen, Fragestellungen besser klären. Netzwerke werden öffentlich stärker wahrgenommen und haben auch bei der Realisierung von Marktzielen bzw. Marktpreisen bessere Chancen.
Die demografische Entwicklung wirkt auf alle Lebensbereiche – auch auf die Personalentwicklung in Unternehmen. Wie gehen Sie damit um?
Nicht nur für mich persönlich hat sich inzwischen immer mehr bestätigt, dass Altersteilzeit heute kein Thema mehr ist. Immer mehr Firmen reaktivieren ausgeschiedene ältere Mitarbeiter, da in vielen Branchen Fachkräfte fehlen. Warum soll ich einen Mitarbeiter gehen lassen, der leistungsfähig ist und Erfahrung sowie praktische Kenntnisse hat? Darum haben auch bei der Neubesetzung von Stellen ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Chancen, eingestellt zu werden. Wir haben einen relativ hohen Altersdurchschnitt und kaum Fluktuation. Gleichwohl oder gerade wegen der demografischen Entwicklung fühlen wir uns als Unternehmen verpflichtet auszubilden, um in Zukunft ausreichendes und qualifiziertes Potential an Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zur Verfügung zu haben. Die GAG bildet deshalb auch jedes Jahr zwei bis drei kaufmännische bzw. technische Auszubildende aus.
Was müsste sich Ihrer Meinung nach in unserer Gesellschaft schnell ändern – was wünschen Sie sich diesbezüglich?
Mehr Engagement des Einzelnen, mehr Zivilcourage, das sind Tugenden, die in unserer Gesellschaft nicht mehr so ausgeprägt sind. Nur mit bürgerschaftlichem Engagement kann unsere Gesellschaft heute noch funktionieren. Gegenseitige Rücksichtnahme, Toleranz und Respekt sind Dinge, die ich mir wünsche. All zu oft stelle ich Gedankenlosigkeit und Unachtsamkeit bei vielen Handlungen fest. Unsere Umwelt wäre sicherlich unter anderem sauberer, wenn wir uns bewusst sind, was wir tun. Ich kann auch nicht verstehen, dass man seinen bürgerlichen Pflichten nicht nachkommt, denn wir sind Teil des Staates und können, wenn wir es denn wollen, mit gestalten und auch mit sprechen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Interview: Kerstin Richter
